Für eine Handvoll Dollar… I

…würde ich es tun. Das ist für mich kein Hobby. Das ist mein Beruf. Und genau das werde ich mir bald auf meine Visitenkarten drucken.

Die Geschichte:

Schon seit geraumer Zeit, also seit zwei Monaten, bearbeite ich die Chefredakteurin eines neuen, schönen und, ja, hippen Magazins. Und hatte Glück. Glaubte ich. Sie nahm mich auf in die Autorenliste – was vorerst wohl heißen sollte, daß mein Name Eingang in den Autoren-Email-Verteiler fand.

Vorhin kam eine Anfrage, wer denn einen Film rezensieren wollen würde. Für „Ruhm und Ehre“, wie es salopp in der Mail hieß. Oder in Gänze:

„Hey Ladies.

Die folgenden beiden Filme suchen noch kurzfristig eine Rezensentin:
* The Blabla (2008)
* The Tralala (2008) (Verändert von mir)
Wer von euch hätte Lust und Zeit? Die Filme sind bei uns in der Redaktion und könnten bis Samstag bei euch sein. Umfang: 2.000 Zeichen, Deadline: Donnerstag, der 22.01. Honorar gibt es leider immer noch keins, dafür viel Ruhm und Ehr sowie unsere ewige Dankbarkeit.
Lieben Gruss,
XZ“
Weil bei mir zur Zeit die Augen größer sind, als das Gewissen, begann ich eine Kurzschlusshandlung. Ich bot mich an. Prompt kam das:
„Hallo XY.
Super, du hast den Zuschlag. Ich habe den Film hier auf der Festplatte. Option 1: Ich brenne ihn auf DVD und schicke ihn dir per Post. Option 2 (und nur ein kleines bisschen illegal): Du lädst ihn dir selbst aus dem Netz. Hat bei anderen Leuten, deren Namen ich in diesem Zusammenhang nicht nennen möchte ;) , weniger als fünf Stunden gedauert.
Sag Bescheid, wie es dir lieben ist.
LG,
XY“
Jetzt habe ich große Bauchschmerzen. Eigentlich wollte ich „nur dieses eine mal noch“ umsonst schreiben, weil das Magazin ja so „hip“ ist.
Isses aber gar nicht.
Ich bin erschüttert ob der fehlenden Professionalität. Von einer Chefredakteurin erwarte ich, daß sie wenigstens in der Lage ist, Ansichtsexemplare zur Rezension vom deutschen Verleih, bzw. internationalen Vertrieb zu besorgen.
Ich werde das ganze wohl überschlafen müssen und morgen mailen, daß mir gestern ein wichtiger Auftrag zugefallen ist. Obwohl ich ja selbst die Schuldige dieses ganzen Dilemmas bin, weil ich diese Rezension überhaupt angenommen habe.
Die Geschichte hinter der Geschichte:
Das Gewissen ist leider nicht so ohne weiteres zu übergehen. Vor allem, weil ich letztens auf einem Pressetermin erlebt habe, wie ein älterer Journalist die vor ihm sitzenden jungen Journalisten bat, bitte nicht umsonst zu arbeiten.
 Da muss ich jetzt auch zurückrudern. Denn der Kollege hat verdammt recht.

2 Antworten zu „Für eine Handvoll Dollar… I“


  1. 1 genova68 Februar 12, 2009 um 10:52

    Eine interessante Geschichte, danke. Ob solche „hippen“ Blättchen überhaupt lesenswert sind, wenn sie den Journalisten die Bezahlung verweigern? Ich meine, wie sehen denn die Artikel aus, die jemand umsonst schreibt?

    Und wie muss sich die Chefredakteurin vorkommen, die mit solchen Mitteln arbeitet?


  1. 1 Mutig… « Hagebuttensenf Trackback zu Februar 1, 2009 um 4:52

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