Probe auf Lebenszeit

Irgendwann werde ich wie Günter Wallraff mich verkleiden und in die Redaktionen einschleichen und mal aufdecken, welche ausbeuterischen Praktiken sich hinter wirklich gutklingenden und vornehmlich renommierten Medien verbergen. Bis ich als Rächer der Enterbten, äh, Unbezahlten samt rotem Cape und Röntgenblick durch die Open-Offices schleiche, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Einen Vorgeschmack auf die hiesigen Praktiken sollen zwei Beispiele beschreiben – nehmen wir mal an, ich möchte…

1. …Theaterkritiker werden. Ich bin jung, ich bin leidenschaftlicher Theatergänger und habe die digitale Revolution schon mit der Muttermilch eingesogen. Ich bewerbe mich bei einer Online-Redaktion.

Oh super – denke ich – meine Arbeitsproben kommen gut an bei der Redaktion. Wie schön – denke ich – endlich kann ich nach meiner Ausbildung zum Journalisten mit Theaterkritik ein wenig Geld verdienen. Oh – denke ich – als mir gesagt wird, daß die Anfänger pro Kritik, unabhänig von der Länge, mit jeweils 50 Euro pauschal bezahlt werden. Oh je – entfährt mir – als mir gesagt wird, daß man die Bereitschaft erwarte, auch mal nach Leipzig zu fahren, schließlich gäbe es in Berlin genug Theaterkritiker, die das Gebiet schon ganz gut abgesteckt haben. Oh Gott – denke ich bei mir, als mir schließlich aufgeht, daß die Reisekosten nicht erstatten werden. Ich möchte noch immer Theaterkritiker werden, aber ich möchte nicht unbedingt 40 Euro bezahlen müssen, um meine Rezensionen zu veröffentlichen. Eureka – entfährt mir letztendlich in einem Geistesblitz – ich könnte für das Geld vielleicht selbst eine Zeitschrift herauszugeben.

2. …Online-Journalist werden. Ich bin jung, ich bin leidenschaftlicher Internet-User, und ich weiß, daß Page-Imprints schon mal der Stoff sind, aus dem ganze Online-Redaktionen erwachsen. Ich bewerbe mich bei einem nicht unbekannten politischen Magazin, daß in naher Zukunft eine Online-Ausgabe realisieren will und dazu nach jungen, dynamischen Journalisten sucht.

Oh super – denke ich – als man mir sagt, daß ich gleich mit der Probezeit anfangen könne. Wie schön – denke ich – als mir gesagt wird, daß man mich sogar fürs Probearbeiten mit 400 Euro bezahlen möchte. Oh – denke ich – als ich höre, daß die Probezeit für zwei Monate angesetzt ist und ich nach Möglichkeit Vollzeit arbeiten soll. Oh je – entfährt mir – als mir gesagt wird, daß das natürlich nicht auf der Grundlage eines Arbeitsvertrages geschehen, sondern erst die Vorbereitungsphase dafür sein soll. Oh Gott – denke ich mir – als mir aufgeht, daß das eigentlich ein Praktikum ohne jegliche Verpflichtung meines vornehmlichen Arbeitgebers ist und ich durchaus auch nach Anstellung noch drei Monate ordentlicher Probezeit hinter mich bringen muss, in der ich durchaus gekündigt werden kann. Eureka – entfährt mir letztendlich in einem Geistesblitz – hätte ich doch eine Schreinerlehre gemacht!

3 Antworten zu “Probe auf Lebenszeit”


  1. 1 Angela Mai 21, 2008 um 6:37

    Ach herrje, meine Liebe, das nimmt ja kein Ende und ist wirklich unglaublich. Da kann ich mich nach meiner Heimkehr ja auf was gefasst machen, wenn ich erstmal in meinem so richtig auf Jobsuche gehen muss…

    Liebe Gruesse
    von
    Angelita

  2. 2 Katrin Mai 26, 2008 um 10:35

    Liebe Karo, hoffe es geht Dir gut! In Jakarta alles im grünen Bereich. :) Werde wohl, wenn meine Zeit beim Goethe um ist, bei der englischsprachigen Zeitung anfangen zu arbeiten. Drück mir die Daumen, dass es klappt! Liebe Grüße, Katrin


  1. 1 Blog zu Faire Honorare » Lesevergnügen: “Probe auf Lebenszeit” Trackback zu August 26, 2008 um 4:43

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