Zarte Knospen…

treibt der Euro auf meinem Konto. Jedenfalls hat er die Erdkrume durchbohrt und reckt sich ganz vorsichtig den Sonnenstrahlen auf der Haben-Seite meines Kontos entgegen - 37,42 Euro. Einerseits freilich gedankt den Honorarrechnung des Kontobesitzers und freien Journalisten, andererseits - mehrheitlich - durch das Eintrudeln des Wohngeldes. Trotzdem macht auch das mein Gemüt sehr sonnig.

Vor zwei Wochen aber sah es noch anders aus - da wurde ich für ein Vorstellungsgespräch von Berlin nach Frankfurt Oder geladen, da ich mich um die Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft beworben hatte. Mit einem abgeschlossenen Studium und einer Berufsausbildung obendrauf war mir schon bald klar, daß ich recht gute Karten hatte. Gerade, weil der Halbtagsjob mit der Bereitschaft auch mal abends “dazubleiben” mit 800 Euro brutto jeden anderen wohl abgeschreckt hätte, bei jungen, freien Journalisten (Berufsanfängern vermehrt) trotzdem ein gewisser Sicherheitsreflex nach Festanstellung besteht - hauptsache in Anstellung, auch wenn es “nur” 200 Euro im Monat mehr wären, unterm Strich.

Trotzdem bestand ich auf Anraten eines lieben Freundes auf ein Kriterium: Die Fahrtkosten müssten von der Uni übernommen werden, denn aus den 800 Euro minus Sozial- und Rentenversicherungsabgaben (macht 700 Euro), minus Steuer, minus 100 Fahrtkosten von Berlin nach Frankfurt monatlich… sind es umgerechnet gut 600 Euro, die mir der Halbtagsjob, gefühlte Mehrtagsjob, finanziell einbringen würde.

Die Antwort nach einer Woche Verhandlung war “leider nein”. Was ich durchaus aufgrund kleiner finanzieller Töpfe gut verstehen kann. Andererseits habe ich vorgestern von einem Chefredakteur folgendes zu hören gekriegt, als ich ihm das völlig wertneutral erzählt habe: “!? Ich habe das auch mal gemacht, nach dem Studium. Kriegte aber 1200 DM brutto. War ja auch im Westen. Ist aber schon wenig, was die da anbieten…”. Das hatte mein Chefredakteur noch vor 15 Jahren gekriegt.

Und meiner Generation wir Völlerei und Konsumgeilheit vorgeworfen. Ich fordere Freispruch und nochmalige Überprüfung der Beweise!

Ich habe das Jobangebot abgelehnt. Heute fühle ich mich gut damit. Auch, wenn ich mich daran erinnere, die 15 Euro Anfahrtskosten zum Vorstellungsgespräch geliehen zu haben, da mir ansonsten mein Konto aufgrund mangelnder Deckung gesperrt würde.

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