Manchmal lädt man ja Journalisten auf das Set eines Films ein, um schon vor Kinostart darüber zu berichten. Wie ein solcher Termin abläuft, ist selten Gegenstand der Artikel, die daraufhin von den eingeladenen Journalisten veröffentlicht werden. An dieser Stelle ist das zum Glück anders:
Laut Presseeinladung soll um 12 Uhr irgendwo in Potsdam ebendiese Presse einen “check-in” auf das Set erhalten. Ich bin gespannt, handelt es sich doch um eine größere deutsche Produktion, ein Thriller, der laut Produktionsnotizen seine Vorbilder in Blockbustern, den amerikanischer Art, sieht. Am Drehort angekommen empfangen mich statt der PR-Dame dann die wartenden Fotografen, die vor dem Camping-Catering-Wagen des Sets mit einem Kaffee in der Hand und lustigen Sprüchen auf den Lippen sich die Zeit vertreiben. Wo denn die PR-Dame sei, frage ich und muss vernehmen, daß sie noch nicht gesichtet ward. Nach und nach kommen auch die Text-Journalisten am “check-in” an, die, wie es sich bald herausstellt, alle für den Boulevard aller möglichen Zeitungen schreiben. Von TVMovie über den neuartigen und zugleich nebulös-trendigen Internetfernsehsender Hubnox bis zur renommierten Berliner Zeitung – alle waren sie da. Alle wollten nur eins: Heike Makatsch, Jessica Schwarz und Mads Mikkelsen. Ich dagegen wollte nur drei: den Regisseur und die beiden Produzenten, war ich doch der einzige Journalist, der im Auftrag eines Fachmagazins unterwegs war. Und irgendwann kommt sogar die PR-Frau.
Um es kurz zu machen: Genau zwei Stunden warteten wir geduldig, bis die Crew ihre letzte Szene für den Tag abgedreht hatte, die Schauspieler gegessen, sich umgezogen und vor den Fotografen posiert haben. Derweil Frau Makatsch ganz kollegial sich ob der Aufregung um ihre neue Rolle als Hildegard Knef aus der Fotosession ausgenommen hat, um den anderen Schauspielern nicht die Show unbeabsichtigt zu stehlen. Was aber von einem Journalisten abgestraft wird, da er seinem Fotografen empfiehlt, Makatsch aus dem Bildkader des Gruppenfotos wegzuschneiden, weil sie sich der Solo-Aufnahmen verweigert.
Nach zwei Stunden Wartezeit, hat die PR-Frau die wunderbare Idee, durch zwei Gruppen das Pressegespräch über die Bühne zu bringen. Sie vergaß, daß wir genau für diese kurzen zehn Minuten zwei Stunden Wartezeit auf uns genommen hatten, genauso die einstündige Anfahrt nach Potsdam. Nun gut, wir konnten unsere Fragen loswerden. Das bewahrte aber wiederum eben die Schauspieler nicht vor Fragen wie: Wer war besser im Bett? Makatsch oder Schwarz? Schauen Sie sich nach Immobilien in Potsdam um? Okay, sage ich mir, Boulevardjournalisten müssen auch die passenden Fragen stellen. Jedoch finde ich es doch sehr bezeichnend für die Kollegen und die Marketing-Machinerie, daß nach genau diesen beiden Fragen wir uns minutenlang gegenübersitzen, ohne daß die Kollegen wissen, welche Frage sie denn noch stellen können. Die Antwort würde sowieso immer nur lauten, wie schön der Dreh doch ist, wie kollegial die Kollegen und wie künstlerisch anspruchsvoll der Regisseur. Jederzeit, gerne wieder…
Als der Regisseur wiederum unserer Journalistenrunde beisaß, verwies er jegliche Frage bezüglich der uns zuvor durch seine Presse-Frau ausgehändigten Produktionsnotizen weit weg: Er wisse davon nichts. Scheinbar auch nicht, welches Marketing für seinen Film angedacht ist. Daß die Produktion nämlich als deutscher Mystery-Thriller schon jetzt beworben wird, zum Beispiel. Dabei hebt der Regisseur hervor, daß die Produktion mehr auf den europäischen Markt ausgerichtet sei, da sämtliche ländererkennungstypischen Gegenstände aus den einzelnen Einstellungen entfernt worden seien. Und ist freudig überrascht, als man nach der Kameraarbeit und dem dahinter stehenden Filmlook fragt. Das ist eben kein Boulevardjournalismus.
Trotzdem konnte ich nach diesem Interview gehen. Weil die PR-Frau vergessen hat, die beiden Produzenten dazubehalten. Die haben nach dem langen Dreh das warten auf uns wohl satt gehabt… und auch ich darf jetzt um 16 Uhr nach Hause fahren, um den Artikel mit den dürftigen Informationen zusammenzubauen, wie schön der sonnige Tag in Potsdam war, zum Beispiel.
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